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Aktionspotential verstehen - so entsteht der Nervenimpuls

Siegbert Wegener 5. Juli 2026
Diagramm zeigt den Aktionspotential einer Nervenzelle: Ruhepotential, Depolarisation, Schwellenpotential, Overshoot, Repolarisation und Hyperpolarisation.

Inhaltsverzeichnis

Ein Nervenimpuls entsteht nicht irgendwo diffus in der Zelle, sondern folgt einem erstaunlich präzisen elektrischen Ablauf. Ich zeige, wie das Aktionspotential einer Nervenzelle vom Reiz bis zur Weiterleitung am Axon entsteht, welche Rolle Natrium- und Kaliumionen spielen und warum die Reizstärke vor allem über die Impulsfrequenz codiert wird.

Die wichtigsten Eckdaten auf einen Blick

  • Ruhepotential: Eine Nervenzelle liegt meist bei etwa -70 mV.
  • Schwellenwert: Erst ab ungefähr -55 mV startet ein vollständiges Aktionspotential.
  • Natrium: Na+-Ionen strömen ein und lösen die schnelle Depolarisation aus.
  • Kalium: K+-Ionen strömen aus und bringen die Membranspannung zurück in den negativen Bereich.
  • Alles-oder-nichts-Prinzip: Die Amplitude bleibt nahezu gleich, die Reizstärke wird über die Frequenz der Impulse vermittelt.

Synaptische Übertragung: Neurotransmitter aus Vesikeln werden freigesetzt, binden an Rezeptoren und lösen einen neuen aktionspotential nervenzelle aus.

Was ein Aktionspotential in der Nervenzelle auslöst

Im Ruhezustand ist die Innenseite der Nervenzellmembran gegenüber der Außenseite negativ geladen. Dieses Ruhepotential entsteht durch ungleich verteilte Ionen, selektiv durchlässige Membrankanäle und die Natrium-Kalium-Pumpe. Für das Verständnis ist entscheidend, dass die Zelle dadurch nicht „elektrisch leer“ ist, sondern bereits eine gespeicherte Spannungsdifferenz besitzt.

Ein Reiz kann diese Spannung verändern. Neurotransmitter an den Dendriten, ein Signal aus einer Sinneszelle oder elektrische Einflüsse benachbarter Membranbereiche erzeugen zunächst eine lokale Depolarisation. Am Axonhügel, dem Übergang zwischen Zellkörper und Axon, werden diese kleinen Spannungsänderungen miteinander verrechnet.

Erreicht die Membran dort den Schwellenwert, öffnen sich viele spannungsabhängige Natriumkanäle. Genau an dieser Stelle kippt der Prozess von einer kleinen, abgestuften Reaktion zu einem vollständigen elektrischen Impuls. Bleibt die Spannung unterhalb der Schwelle, klingt die Erregung wieder ab, ohne ein Aktionspotential auszulösen.

Warum die Schwelle so wichtig ist

Ich halte den Schwellenwert für den besten Einstieg in das Thema, weil er zwei häufige Missverständnisse klärt. Ein stärkerer Reiz erzeugt nicht einfach ein größeres Aktionspotential. Er bringt die Membran lediglich schneller oder häufiger über die Schwelle und kann dadurch eine höhere Impulsrate auslösen.

Die konkreten Werte sind keine starren Naturkonstanten. Je nach Nervenzelltyp, Temperatur und Messbedingung kann das Ruhepotential beispielsweise zwischen etwa -60 und -80 mV liegen, während der Schwellenwert oft ungefähr bei -55 mV liegt.

Die Phasen des elektrischen Impulses

Der Verlauf lässt sich in mehrere Phasen gliedern. Bei einer typischen Nervenzelle dauert ein einzelner Impuls ungefähr 1 bis 2 Millisekunden. Die beteiligten Kanäle reagieren dabei zeitlich versetzt, und genau daraus entsteht die charakteristische Spannungskurve.

Phase Was an der Membran passiert Typischer Spannungsverlauf
Ruhepotential Die Membran ist innen negativ, die Ionenverteilung bleibt stabil. etwa -70 mV
Depolarisation Na+-Kanäle öffnen sich, Natrium strömt in die Zelle. Anstieg bis in den positiven Bereich
Repolarisation Na+-Kanäle inaktivieren, K+-Kanäle öffnen sich. Rückgang in den negativen Bereich
Hyperpolarisation Kaliumkanäle schließen etwas verzögert. kurz negativer als das Ruhepotential

Depolarisation durch Natriumionen

Nach dem Überschreiten der Schwelle öffnen sich spannungsabhängige Na+-Kanäle sehr schnell. Natriumionen strömen aufgrund ihres Konzentrations- und Ladungsgefälles in die Zelle. Die Innenseite wird dadurch weniger negativ und kurzzeitig sogar positiv. Der Spitzenwert liegt bei vielen Nervenzellen ungefähr bei +30 bis +40 mV.

Diese Phase verstärkt sich selbst. Je mehr Natrium einströmt, desto stärker verändert sich die Spannung, wodurch weitere Natriumkanäle geöffnet werden. Ich vergleiche diesen Abschnitt gern mit einer kurzen Kettenreaktion, die nach ihrem Start nicht mehr von der ursprünglichen Reizstärke abhängt.

Repolarisation und kurze Hyperpolarisation

Die Natriumkanäle werden nach sehr kurzer Zeit inaktiviert. Gleichzeitig öffnen sich, etwas langsamer, die Kaliumkanäle. K+ verlässt die Zelle, die Spannung wird wieder negativer und die Membran durchläuft die Repolarisation.

Weil die Kaliumkanäle nicht sofort schließen, wird das Ruhepotential oft kurz unterschritten. Diese Hyperpolarisation erschwert die unmittelbare Auslösung eines weiteren Impulses. Danach stabilisieren sich die Kanalzustände und die Zelle kehrt zum Ruhepotential zurück.

Wie sich der Impuls am Axon ausbreitet

Ein Aktionspotential bleibt nicht auf den Axonhügel beschränkt. Die Depolarisation erzeugt lokale elektrische Ströme, die den benachbarten Membranabschnitt bis zur Schwelle anheben. Dort entsteht der nächste Impuls, während der vorherige Abschnitt bereits in der Refraktärzeit steckt.

So wandert das Signal entlang des Axons, obwohl sich nicht ein einzelnes Ion vom Zellkörper bis zum Axonende bewegt. Die einzelnen Membranabschnitte werden vielmehr nacheinander aktiviert. Das erklärt auch, warum das Signal seine Form und Größe über längere Strecken weitgehend beibehält.

Myelinisierte und nicht myelinisierte Axone

Bei einem nicht myelinisierten Axon wird jeder angrenzende Membranabschnitt aktiviert. Diese kontinuierliche Erregungsleitung ist vergleichsweise langsam und benötigt mehr Membranfläche für den Ionenaustausch.

Myelinisierte Axone besitzen dagegen eine isolierende Hülle aus Myelin. Neue Aktionspotentiale entstehen vor allem an den Ranvier-Schnürringen, den kurzen Unterbrechungen der Myelinscheide. Der Impuls scheint dadurch von Knoten zu Knoten zu springen. Diese saltatorische Erregungsleitung ist deutlich schneller und spart zugleich Energie.

Axontyp Art der Weiterleitung Typische Geschwindigkeit
nicht myelinisiert kontinuierlich über die gesamte Membran oft etwa 0,5 bis 2 m/s
myelinisiert sprunghaft zwischen Ranvier-Schnürringen je nach Faser etwa 10 bis 120 m/s

Die Geschwindigkeit hängt unter anderem vom Axondurchmesser, von der Dicke der Myelinscheide und von der Temperatur ab. Wird Myelin beschädigt, kann die Weiterleitung langsamer, unzuverlässig oder sogar unterbrochen werden. Das ist physiologisch weit wichtiger als die vereinfachte Vorstellung, ein Nervensignal sei einfach nur ein elektrischer Strom in einem Kabel.

Warum die Refraktärzeit die Richtung vorgibt

Direkt nach einem Aktionspotential kann derselbe Membranabschnitt nicht sofort wieder normal reagieren. Während der absoluten Refraktärzeit sind die Natriumkanäle inaktiviert. Selbst ein sehr starker Reiz löst in dieser kurzen Phase kein neues vollständiges Aktionspotential aus.

In der anschließenden relativen Refraktärzeit ist ein neuer Impuls prinzipiell möglich, aber die Schwelle liegt höher. Die Membran ist durch die Hyperpolarisation noch weniger erregbar. Diese zeitliche Sperre begrenzt die maximale Impulsfrequenz und verhindert zugleich, dass sich die Erregung am Axon einfach rückwärts ausbreitet.

Für eine typische Nervenzelle liegt die absolute Refraktärzeit ungefähr im Bereich von 1 Millisekunde, die gesamte Erholungsphase kann mehrere Millisekunden dauern. Die Werte unterscheiden sich jedoch zwischen Zelltypen. Eine exakte Zahl sollte deshalb immer als Näherung verstanden werden.

Was Reizstärke und Informationsübertragung miteinander zu tun haben

Das Aktionspotential folgt dem Alles-oder-nichts-Prinzip. Wird die Schwelle erreicht, entsteht ein vollständiger Impuls. Wird sie nicht erreicht, bleibt es bei einer lokalen Spannungsänderung. Ein halbes Aktionspotential gibt es bei der klassischen Erregungsleitung nicht.

Wie stark ein Reiz empfunden wird, hängt deshalb meist nicht von der Höhe einzelner Impulse ab. Entscheidend ist, wie viele Impulse pro Sekunde entstehen und welche Nervenzellgruppen beteiligt sind. Ein stärkerer Reiz kann also eine höhere Frequenz auslösen, während die Amplitude der einzelnen Impulse nahezu gleich bleibt.

Auch die Natrium-Kalium-Pumpe wird häufig falsch eingeordnet. Sie erzeugt nicht den schnellen Aufstrich des Aktionspotentials. Dafür sind die spannungsabhängigen Kanäle verantwortlich. Die Pumpe hilft vor allem dabei, die langfristige Ionenverteilung nach vielen Erregungen aufrechtzuerhalten.

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Vom Axon zur nächsten Zelle

Am Axonende öffnet der elektrische Impuls spannungsabhängige Calciumkanäle. Calciumionen strömen ein und lösen die Ausschüttung von Neurotransmittern in den synaptischen Spalt aus. Das elektrische Signal wird dort also kurz in ein chemisches Signal übersetzt.

An der nachgeschalteten Nervenzelle können diese Botenstoffe wiederum erregende oder hemmende Membranveränderungen auslösen. Erst die Summe vieler solcher Einflüsse entscheidet, ob am nächsten Axonhügel erneut die Schwelle erreicht wird. Genau darin liegt die Rechenleistung neuronaler Netzwerke.

Typische Denkfehler beim Lernen des Aktionspotentials

  • „Ein stärkerer Reiz macht den Impuls größer.“ In der Regel steigt stattdessen die Frequenz der Aktionspotentiale.
  • „Die Pumpe treibt jeden einzelnen Impuls an.“ Der schnelle Spannungswechsel entsteht durch Na+- und K+-Kanäle.
  • „Das Signal läuft wie Strom durch einen Draht.“ Tatsächlich wird es entlang des Axons immer wieder neu gebildet.
  • „Repolarisation bedeutet sofortige vollständige Erholung.“ Während der Refraktärzeit bleibt die Erregbarkeit zunächst verändert.
  • „Myelin erzeugt den Impuls.“ Es isoliert die Faser und beschleunigt die Weiterleitung, die eigentliche Kanalaktivität findet vor allem an den Schnürringen statt.

Beim Lernen hilft mir ein einfaches Ordnungsschema. Ich merke mir zuerst den Spannungszustand, dann den jeweils dominierenden Ionenstrom und zuletzt die funktionelle Folge. So wird aus einer langen Kurve eine nachvollziehbare Abfolge: Natrium hinein, Kalium hinaus, kurze Erholung.

Was vom elektrischen Impuls wirklich hängen bleiben sollte

Das Aktionspotential ist ein kurzer, standardisierter Spannungswechsel an der Membran einer erregbaren Zelle. Er beginnt am Axonhügel, entsteht durch das zeitlich abgestimmte Öffnen von Natrium- und Kaliumkanälen und breitet sich durch die fortlaufende Aktivierung benachbarter Membranabschnitte aus.

Für die Biologie sind drei Gedanken besonders tragfähig: Die Schwelle entscheidet über den Start, die Refraktärzeit ordnet die Weiterleitung und die Frequenz trägt einen großen Teil der Information. Wer diese drei Zusammenhänge verstanden hat, kann auch komplexere Themen wie Reflexe, Muskelsteuerung und die Wirkung von Nervengiften deutlich leichter einordnen.

Häufig gestellte Fragen

Am Axonhügel werden lokale Spannungsänderungen verrechnet. Erreicht die Membran ungefähr -55 mV, öffnen sich viele spannungsabhängige Natriumkanäle und ein vollständiger Impuls entsteht. Bleibt sie darunter, klingt die Erregung ohne Aktionspotential ab.

Bei nicht myelinisierten Axonen wird jeder angrenzende Membranabschnitt aktiviert; die Leitung erreicht oft etwa 0,5 bis 2 m/s. Bei myelinisierten Axonen entstehen die Impulse vor allem an den Ranvier-Schnürringen und springen scheinbar von Knoten zu Knoten. Dadurch sind etwa 10 bis 120 m/s möglich.

Ein Aktionspotential folgt dem Alles-oder-nichts-Prinzip, daher bleibt seine Amplitude nahezu gleich. Ein stärkerer Reiz wird meist durch eine höhere Frequenz der Impulse und durch die Beteiligung weiterer Nervenzellgruppen vermittelt.

Der gerade aktivierte Membranabschnitt befindet sich zunächst in der absoluten Refraktärzeit, weil die Natriumkanäle inaktiviert sind. In der anschließenden relativen Refraktärzeit ist die Schwelle durch die Hyperpolarisation erhöht. Diese zeitliche Sperre begrenzt außerdem die maximale Impulsfrequenz.

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Autor Siegbert Wegener
Siegbert Wegener
Mein Name ist Siegbert Wegener und seit nunmehr 3 Jahren beschäftige ich mich intensiv mit den Themen Wissenschaft, Technik und Erfindergeist. Mich fasziniert die Art und Weise, wie bahnbrechende Ideen entstehen und wie sie durch technisches Know-how und kreativen Geist Wirklichkeit werden. Auf historische-schreibmaschinen-friedrich.de teile ich mein Wissen über die faszinierende Welt der historischen Schreibmaschinen, ihre Entwicklung und die genialen Köpfe dahinter. Dabei lege ich Wert darauf, komplexe Sachverhalte verständlich aufzubereiten und stets auf fundierten Recherchen zu basieren, um Ihnen präzise und nachvollziehbare Informationen zu liefern.

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